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Voices Berlin
24. Oktober – 16. November 2025

POSITIONEN – Texte zur aktuellen Musik, Moonsun Shin, Februar 2026 (excerpts)

„Krieg ist das Allerschlimmste“, sagte eine Person aus dem Publikum, die Stimme halb zitternd. Sie entschuldigte sich für die Unterbrechung der Diskussion, wollte es dennoch unbedingt aussprechen. Natürlich – daran besteht kaum ein Zweifel. Doch genau darin liegt die Frage: Welchen Sinn hat es, das Selbstverständliche erneut laut zu sagen? Unter dem Motto „Archipel der Zerstreuung“ widmete sich das 2023 gegründete Festival Voices Berlin jenen Künstler*innen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr in ihren Herkunftsländern leben. Konsequenterweise traten im spartenübergreifenden Festivalprogramm aus Tanz, Musik und Theater immer wieder Krieg und Gewalt thematisch hervor, da gerade diese Erfahrungen Migration häufig notwendig machen und nachhaltige Spuren in Individuen und Gesellschaften hinterlassen. [...]


Einen völlig anderen Zugang bot das kasachische künstlerische Duo ORTA (Rustem Begenov und Alexandra Morozova) mit The New Genius Experience of The Great Atomic Bombreflector. Ausgangspunkt der Arbeit sind die sowjetischen Atombombentests in Kasachstan zwischen 1949 und 1989. Durch verteilte traditionelle Mützen, einen mit Einweg-Aluschalen und tiefem, anhaltendem Dröhnen als Tempel inszenierten Raum sowie ein religiös anmutendes Ritual wurde das Publikum aus der Rolle der beobachtenden Instanz herausgelöst und als handelnde Gemeinschaft in einen symbolischen Akt eingebunden, um historische Gewalt in eine Form kollektiver, kreativer Energie zu transformieren. Ein zentrales Moment bildete dabei ein Segensgesang, in dem die Performer*innen gemeinsam mit dem Publikum die Namen aller Anwesenden einzeln in den Gesang aufnahmen – ein rituelles »Hineinrufen«, das jede einzelne Person performativ als Teil dieser Geschichte einschloss.

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